Schalfkogel (3.537m)

Die Tour von der Langtalereckhütte auf den Schalfkogel und weiter zum Ramolhaus war wohl meine intensivste Tour seit langem. Früher – ach früher – war das nach Aussage der Hüttenwirte und Bergführer eine feine Tour. Die Klimaveränderung hat sie wild gemacht. Aber der Reihe nach!

Gernot und ich steigen am Sonntag von Obergurgl zur Langtalereckhütte auf. Ein Bergrutsch von beträchtlichem Ausmaß hat die Straße verlegt. Zum Teil ist sie nun wieder frei. Man könnte auch wieder mit dem MTB fahren, aber sie ist behördlich gesperrt. Nach dem Abendessen fragen wir den Hüttenwirt zu unserer Tour. Nein, das ist nichts, er rät ab. Schön ist das nicht, wir sollen etwas anderes machen. Wir lassen nicht nach. Wie ist das, wenn wir stattdessen vom Ramolhaus aus auf den Schalfkogel gehen? Der gleiche Blödsinn! Und der Große Ramolkogel? Auch sinnlos. Mann oh! Jetzt sind wir schon hier. Am Telefon war auch kein klares Nein zu hören. Als ich dann nochmal frage, gibt der Hüttenwirt auf. Natürlich kann man gehen, aber kein vernünftiger Mensch würde gehen. Die Route, die er dann empfiehlt, kann im Nachhinein keiner recht nachvollziehen. Seine unwirsche Art macht es auch nicht leicht. Egal, wir haben Infos. Wir wissen, wie wir vom Gurgler Ferner auf den Kleinleitenferner und von dort auf den Schalfkogel kommen. Er empfiehlt die weitere Gratwanderung über die Firmisanschneid und den Spiegelkogel. Das ist uns zu viel, wir wollen zu den Ramoler Bänken absteigen. Geht alles, aber nicht so, wie wir uns das vorstellen. Ich bin eher nachdenklich, Gernot eher zuversichtlich.

Um 05:15 läutet der Wecker, wir starten früh. Der Weg führt uns unter das Hochwildehaus, wo wir zum Gurgler Ferner absteigen. Hier ist es fein markiert. Erst die letzten Meter sind selbst zu suchen. Der Gletscher hat sich so weit zurückgezogen, dass die Leute mit dem Markieren nicht nachkommen. Wir finden schnell eine Stelle, an der wir aufs Eis wechseln können. Die Überquerung ist ebenso wenig ein Problem, wie der Wechsel auf der anderen Seite wieder ins Geröll. Ohne Schneebrücke wäre die Randkluft allerdings spannender gewesen.

Wir suchen nach dem Einstieg in die Wand. Steil ist sie ja nicht, aber Nässe und loses Gestein wirken wenig einladend. Links oder rechts vom herabschießenden Wasser? Wo geht es da rauf? Und wie weit müssen wir da rauf? Wir suchen, verplempern Zeit. Da entdecken wir ein Seil, das in der Wand hängt. Auch auf dieser Seite hat der Gletscher Volumen verloren. Zum Seil muss erst mal gekraxelt werden. Rutschiges, loses Gestein mindern auch hier den Fun Factor. Beim Seil die nächste Herausforderung: ohne Seil wird es nicht gehen, weil zu riskant. Zumal wir ja auch nicht wissen, wie die Tour oben weitergeht. Mit Seil stellt sich die Frage, wie sicher es denn ist. Reicht es zum Anhalten, fängt es gar einen Ausrutscher? Wir hängen dann sogar den Tibloc von Petzl ein. Das ist komfortabel, aber wenn das Seil nicht sicher ist, dann ist es eine trügerische Angelegenheit.

So gehen wir jedenfalls diese Felsstufe unter geringstmöglicher Belastung des Seils an. Ein bisserl blöd ist es allemal. Wenn das Seil uns fangen muss, wird die Belastung hoch sein. Also, schön vorsichtig! Am oberen Ende sehen wir, dass das Seil um einen Fels(brocken) gesichert ist. Ich habe ein Felsköpfel in Erinnerung. Gernot meint, dass es nur ein schwerer Brocken war, der auf einer Felsplatte gelegen ist. Oida!

Weiter geht es nun ein leicht begehbares Band Richtung Süden, ehe wir oberhalb eines großen Schutt- und Geröllkegels den Berg direkt Richtung Kleinleitenferner hinaufsteigen. Hier sind auch wieder gute Markierungen zu finden.

Der Kleinleitenferner ist einerseits einfach, weil weder sonderlich spaltenreich noch sonderlich steil . Einzig, wir finden keinen Weg, der ausschließlich übers Blankeis hinaufführt. Irgendwo müssen wir über den Schnee, und der sieht trügerisch aus. So wage ich mich auf den grundlosen weißen Schnee. Der Pickelschaft verschwindet immer wieder ohne Widerstand – wenig beruhigend. Ein-, zweimal breche ich ein. Der Schnee rieselt unter mir in ein dunkles Loch. Russisches Roulette mal anders. Zwei breitere Gletscherspalten könnten das da sein. Zwischen den beiden will ich aus dem Schneefeld zum sicheren Blankeis. Wahrscheinlich die beste Idee in dieser lausigen Situation. Könnte auch sein, dass ich auf einer Schneebrücke gehe. Aber hier heroben hat es in den letzten Tagen und Nächten kein bisserl gefroren.

Und dann ist das sichere Eis wieder da – uff! Nun geht’s nicht allzu steil hinauf aufs Schalfkogel Joch – heißt das so? Müde sind wir schon. Nicht nur die Anstrengung, auch die Anspannung macht sich bemerkbar. Der Rest zum Gipfel ist einfacher Fels, Geröll und Blockwerk. Yeah – erster Teil ist geschafft.

Der Nordgrat ist ebenso problemlos wie das darauffolgende Eis. Vor uns tut sich der Felsgrat auf. Na freundlich schaut der nicht drein. Also, Steigeisen wieder runter. Gernot probiert es. Dazu muss er mal um den ersten Block herum. Na servas, sofort machen sich Felsbrocken auf nach Westen Richtung Diemferner. Und der Grat sieht noch brüchiger aus. The Saxophones are getting louder! Na, das geht nicht! Gernot muss zurück. Und jetzt stehen wir da! Zurück geht nicht, weil es weit ist und keiner nochmals über den Kleinleitenferner will. Der Süden fällt damit aus. Im Norden wartet der wackelige Grat, dem Gernot gerade zu nahe getreten ist. Also, technisch würde der gehen, aber das Risiko, dass ein möbelstückgroßer Fels mit uns abfahrt, erscheint uns zu hoch. Ein Umgehung über den Diemferner im Westen wäre eine Option, aber darauf sind wir nicht vorbereitet. Ich vermute, dass wir da ein paar hundert Höhenmeter runter müssten. Wir verwerfen die Option. Erst wieder auf der Hütte, meint eine Bergführerin, dass diese Umgehung 150 Höhenmeter kostet, aber mittlerweile gemacht wird.

So bleibt der Osten, oder besser Nordosten. Schon beim Abstieg vom Schalfkogel sind mir Spuren aufgefallen, von einem, der vor kurzem ohne Steigeisen auf dem harten Schnee gegangen sein muss – wilder Hund! Und am Gletscher unter uns sieht man auch eine Spur im Schnee. Da könnten sogar schon mehrere gegangen sein. Nur der Hüttenwirt hat diese Variante am Vorabend entschieden verworfen. Doch diese Variante erscheint uns nun als geringstes Übel. Auf der Karte habe ich einen Hangneigungs-Layer eingeblendet. So meine ich, dass man auf 3.100 m Seehöhe zu unserem Weg queren könnte. Irgendwo muss man ja wieder rauskommen. Wenn nicht, dann sind wir geliefert. Wir haben zwar noch ausreichend Reserven in Sachen Tageslicht, aber die Kraftreserven sind aufgebraucht. Unausgesprochen bleibt, ob wir schon mal die Bergrettung verständigen sollen, dass wir vielleicht bald ein Problem haben werden. Das wäre das zweite Mal in meinem Leben – nach meinem Hoppala mit dem Steigeisen im Wadel.

Wir steigen zum Schnee ab und hoffen mal. Der Schnee ist schon wieder weich und tief. Am Seil geht Gernot vor und folgt den Spuren. Wir erreichen damit kein Blankeis, sondern weichen ins Geröll aus. Das erscheint sicher, ist aber auch kein richtiger Genuss. Gelegentlich liegen die Felsbrocken am Eis. So kommt es schon mal vor, dass man auch mit größeren Brocken abfährt. Bis hinunter auf 3.100 m ist es ein ganzes Stück ohne wirklich festen Untergrund, jeder Schritt löst ein Rutscherl aus.

Je näher ich den 3.100m komme, umso zuversichtlicher werde ich, dass wir rauskommen werden. Falls dem so ist, wandern wir noch die zwei, drei Kilometer rüber zum Ramolhaus. Auf 3.100 m angekommen, sieht Gernot einen Weg in der hier wie gehofft nicht steilen Flanke. Okay, Weg ist kühn, sieht eher so aus, als wären da schon mal zwei Gämsen rüber. Ich will noch ein paar Meter runter. Aber da sieht Gernot ein Steinmanderl. Okay. ich lass mich überzeugen, Gämsen bauen keine Steinmännchen. Jetzt noch 100m und wir sind wieder auf dem „offiziellen“ Weg. Vor dem hat der Hüttenwirt zwar auch gewarnt, aber hier herunten wird es wirklich nur noch eine Wanderung sein. Zugegebenermaßen ist die Wanderung in unserem Zustand schon ordentlich anstrengend. Kurz vor dem Abendessen begrüßt uns Lenka, die freundliche Hüttenwirtin, am Ramolhaus mit einem Schnaps.

Auf der Hütte plaudern wir am Abend noch mit Silvia, einer Bergführerin aus Kilians Team. Sie erkundigt sich nach den Bedingungen. Der Große Ramolkogel ist nach ihren Aussagen wohl ähnlich. Wir haben eh keine Kraft mehr. Die Uhr sagt, dass ich 5.100 Kalorien verbrannt habe. Angesichts dieser Fakten entscheiden wir uns spontan für die Freizeitarena in Sölden. Silvia erzählt, dass sie Kunden hat, die wie ich die österreichischen Berge mit mehr als 3.500 m sammeln. So wie sie das erzählt erscheint mir diese Leidenschaft als verwirrt und doch eher vertrottelt. In letzter Zeit sind ohnedies Zweifel bei mir aufgekommen, an dem Abend bin ich bereit, auf die paar fehlenden Gipfel zu verzichten. Schauen ma a mal!

Am nächsten Morgen steigen wir bei Kaiserwetter nach Obergurgl ab. Von dort nach Sölden in die Freizeitarena, die tatsächlich eine selten in Anspruch genommene Duschpauschale von 4,50 Euro anbietet. Das E-Auto wird geladen und auch wir füllen Kalorien nach. Dann geht es zurück Richtung Osten.

Garmin

Menorca

Für den Sommerurlaub haben wir uns Menorca ausgesucht. Carina will ans Meer, und damit sie nicht alleine ist, kommt in der ersten Woche Amelie und in der zweiten Woche Mia mit. Als Hotel haben wir uns das Hotel Villa Le Blanc in Sant Tomas ausgesucht. Nach der ersten Nacht gönnen wir uns ein Upgrade auf die Ocean Suite, und alles wird gut. Das Hotel bietet wirklich alles, was das Herz begehrt. Das Meer ist glasklar, Renate ist am besten Weg mit offenem Wasser Freundschaft zu schließen.

In der ersten Woche mieten wir ein Auto. Die Insel ist recht klein, die Anzahl der Sehenswürdigkeiten eher überschaubar. Am ersten Tag besuchen wir den höchsten Berg Monte Toro. 358 Meter über dem Meer – da nehmen wir das Auto. Ein Ausflug nach Punta Nati, wo es Überreste militärischer Einrichtungen am Meer zu sehen gibt, steht auch noch am Programm. Die Hitze beendet den Ausflug zu Mittag.

Am nächsten Tag machen wir mit Amelie und Carina einen Ausflug an den Cala del Pilar, einen abgelegenen Strand, der für seine rötlichen Felsen und den goldfarbenen Strand bekannt ist. Ein bis zwei Kilometer langer Wanderweg führt vom Parkplatz durch Pinienwälder ans Meer. Am Strand selbst gibt es keinerlei Infrastruktur und keinen Schatten. Entsprechend kurz bleiben wir.

Am dritten Tag sind wir wieder zu zweit unterwegs. Wir besuchen Binibeca Vell, das vermutlich bekannteste und fotogenste Städtchen Menorcas mit seinen weißen Häusern und ganz engen, labyrinthartig angelegten Gässchen. Wir sind überaus positiv überrascht. Zum Abschluss dann noch in die neue Hauptstadt Mahon. Auch recht nett, in einer kleinen winzigen Lebensmittelhalle gibt es Mittagessen, ehe es wieder zurück in den klimatisierten Bereich geht.

Am vierten Tag mit Leihauto sind wir wieder zu viert unterwegs, Es geht in die alte Hauptstadt, Ciutadella. Hier hat mir die Hitze schon alle Erinnerung aus dem Hirn gebrannt. Am alten Hafen haben wir uns im Schatten bei reichlich Mineralwasser gekühlt, daran kann ich mich noch gerade erinnern. Zum Glück schieße ich gelegentlich Fotos.

Die restlichen Tage verbringen wir im Hotel. Wir starten noch eine Versuch für einen Ausflug. Das Hotel liegt an einem Wanderweg entlang der Küste. Nur bei der Schwüle habe ich am Wandern gar keine Freude. Renate wäre noch weiter marschiert, aber ich vermag keinen Genuss zu erkennen.

Wieder im Flugzeug verabschiede ich mich schon auf der Startbahn von Menorca – vermutlich für immer. Renate musste sich gegen Ende des Urlaubs schon im Zweistundentakt von mir anhören, warum man hier um diese Jahreszeit auf Urlaub herfährt oder sich gar ein Haus hier kauft. Der Flieger beschleunigt und bricht den Start ab. Ui – das fühlt sich übel an – Flugzeug kaputt – Menorca hat uns wieder. Es ist schon spät am Abend. Wir könnten unser Schicksal in die Hände der Fluglinie legen oder selbst buchen. Um zwölf liegen wir in den Betten des Hotel Senator Port Mahón. Deutlich günstiger ist es hier ;-). Für einen Stadtspaziergang am nächsten Tag fehlt mir wieder temperaturbedingt der Nerv. Am Abend klappt der Heimflug nach Wien – uff!

Insel und Hotel waren wirklich schön. Das Klima ist aber ein bisserl sehr mühsam. Die Temperatur ist vergleichbar wie bei uns in Wien, aber die Luftfeuchtigkeit ist hoch. Wir hatten gefühlte Temperaturen zwischen 38° und 45°. Da ist auch der Aufenthalt im Schatten kein Genuss – zumindest für mich nicht. In der Früh haben wir die Terrassentüren geöffnet. Das hat den Spiegel und die Fliesen im Zimmer sofort beschlagen lassen. Wahrscheinlich ist diese Luftfeuchtigkeit gut für Haut und Haar. Den Pflanzen gefällt das Klima vielleicht auch, aber ich verfalle dabei. Wer es recherchiert, findet heraus, dass auf den Balearen solche Temperaturen und diese Luftfeuchtigkeit die vorherrschende Wetterlage bestimmen. In Griechenland ist es in der Ägäis auch heiß, aber der Meltemi, also der Wind aus dem Norden, lässt nicht nur das Surferherz höher schlagen sondern sorgt auch für eine erträglichere Hitze. Oder, auf den Kanaren sorgt der stete Nordostpassat speziell im Südwesten der Inseln für vorwiegend Wüstenklima.

Die Balearen im Hochsommer tue ich mir also nicht mehr an. So schön können Hotel und Meer gar nicht sein. Die junge Mitarbeiterin an der Rezeption hat es mit umwerfender Ehrlichkeit frei rausgesagt: „Wir empfehlen einen Besuch vor Ende Juni und ab Mitte September!“.

Karlhochkogel über Wallmerin und Käfereck

Donnerstagabend geht es zum Bodenbauer. Wir wollen am nächsten Tag früh los, weil uns aller Wahrscheinlichkeit nach eine Hitzeschlacht erwartet. Die Wirtin kennt Wallmerin und Käfereck nicht so recht. „Das sagt ma nix. Da geht kaum aner hin!“. Recht hat sie, einen einzigen Wanderer werden wir auf der langen Tour treffen.

Früh ins Bett – es gibt Schlimmeres – und früh aus den Federn. Um 07:30 starten wir am Parkplatz Karlschütt. Erst geht es eine Forststraße dahin, ehe das aufmerksame Auge ein Steinmanderl entdeckt, an dem scharf rechts abgebogen werden muss. Na ja, eigentlich hilft der Punkt auf meiner Uhr, der der heruntergeladenen Route folgt. Nun geht es den Wald bergauf. Es wird steiler, aber noch erträglich. Dann wartet gegen Ende des Waldes nochmals ein bisserl eine nicht so steile Passage, ehe es durch die Latschen immer steiler bergauf geht. Die Sonne ist heraußen, es brennt, ich schwitze wie ein Pferd. Der Boden ist wie eine weiche Matte – hat man auch selten. Eine Felsnadel will umgangen werden. Wer dort ist, wird wissen, welche ich meine. Unten(!) links herum geht der Weg. Wir haben erst rechts probiert – erfolglos. Es gibt eben keine Markierungen, nur Augen auf!

Allmählich nähern wir uns der „Schlüsselstelle“ unter dem Käfereck. Habe ich schon erwähnt, dass es die meiste Zeit über steil ist? Schweißtreibend steil! Egal, Felsen tun sich vor einem auf. Die Tour ist beim Alpenverein mit I+ vorgestellt. Das heißt, man braucht gelegentlich die Hände ein bisserl. Das ist sicherlich so, wenn man die richtige Route findet, aber die ist eben nicht markiert. Wir finden auch durch, es war wohl nicht die I+-Variante, aber durchaus machbar. Ein bisserl Bergerfahrung ist schon notwendig, wenn man da nicht irgendwo im Nirgendwo herumhängen will. Machbar, und mit Erfahrung leichter!

Am Plateau, dem Mühlbachboden, findet sich auch kein markierter Weg. Steinmännchen stehen herum, aber um einen Weg kümmert sich hier keiner. So müssen wir gelegentlich über Latschenfelder. Diese sind tatsächlich begehbar, aber vermutlich nicht für Mio. Ein Glück, dass er daheim geblieben ist. Der Karlhochkogel sieht noch recht fern aus, der bisherige Anstieg hat uns schon ein bisserl geschlappt. Aber was soll’s? Weiter muss es gehen. Und natürlich hat auch dieser Restanstieg irgendwann ein Ende – schneller als gedacht.

Am Gipfel treffen wir den schon erwähnten Wanderer. Wir berichten, dass wir Richtung Windscharte weiter und dann in den Karlgraben wollen. Ah, interessant! Ich bin da jedes Mal fasziniert, wie andere Wanderer bzw. Bergsteiger interessiert und dankbar auf mein Handy schauen. Wie orientieren sich denn die? GPS-Uhr sehe ich auch keine. Landkarte in Papierform eventuell im Rucksack. Gehen die nach Gefühl, Gehör, Geruch,..? Oder folgen sie ausgetretenen Pfaden? Ich verlasse mich lieber auf die Technik. Der blaue Punkt sollte auf oder in der Nähe der roten Linie bleiben. Das funktioniert auch ohne Markierung oder im Nebel. Vorausgesetzt, die rote Linie ist vernünftig eingezeichnet. Das ist mitunter oft nicht so. Auch bei dieser Tour hat der Autor einige Mal bei der Aufzeichnung gepatzt. Vielleicht ist es ein alter Track – früher hat man schon mal das GPS-Signal verloren. Dann wurde zwischen den beiden Punkten einfach eine gerade Linie gezogen. Pragmatisch, aber in Realität dann problematisch. So ist es auch heute. Des Öfteren geht es schnurstracks über Felsen oder Almwiesen. Da die Sonne lacht, ist das heute aber keine Herausforderung.

Wir rasten am Gipfel und schauen rüber zum Hochschwab. Dort tummeln sich die Menschen. Paragleiter heben ab. Wir schauen einsam aus der Ferne zu. Runter geht es dann, wie schon erwähnt, als Überschreitung Richtung Windscharte. In den Karlgraben führt der vorgegebene Track kerzengerade. Weg ist eh keiner zu erkennen, also steigen wir ebenso zielstrebig ab. Also, in umgekehrter Richtung muss diese scheinbar endlos lange, steile Almwiese eine Qual sein. Aber runter geht’s. Gämsen und Murmel wundern sich. Einige Murmelbauten sind übrigens richtig luxuriös, haben sie doch eine aufgeschüttete Terrasse mit tollem Ausblick.

Weiter unten steht dann eine Jagdhütte, die wir aber rechts liegen lassen. Erfreulicherweise ist der Weg ab jetzt gut ausgetreten. Das lässt mich rätseln. Warum kommen hier so viel mehr Wanderer her? Ich habe ausreichend Zeit, mir das zu überlegen. Der Karlgraben ist lange und serpentinenreich.

Wieder im Wald hören wir Wasser, und ich habe eh schon so einen Durst. Die Wasserflasche ist schon lange leer. Doch der Weg führt wieder von der Quelle weg. Wenn der Weg noch einmal an den Bach heranführt, lasse ich mir die Chance nicht entgehen. So kommt es auch. An wildromantischer Stelle findet sich ein Zustieg. In der Beschreibung wurden Stellen erwähnt, an denen man gar baden kann. Weiter unter uns hören wir gar Stimmen. Nein, Leute brauche ich nicht. Also, runter mit der Wäsche und rein in die Kinderbadewanne. Mit Geschick kann ich mich hinlegen. Eiskalt ist es. Renate staunt, ist mir aber ohne zu zögern hinten nach und schließt sich dem Eisbad an. Edel!

Wieder dem Anlass entsprechend gekleidet steigen wir den Rest ab. Schon nach ein, zwei hundert Metern sind die ersten beiden jungen Männern zu den doch etwas monotonen Klängen aus ihrer Soundbox am Erfrischen. Jetzt kann es nicht mehr weit sein. Eineinhalb Kilometer sind es noch geschätzt. Immer mehr Badelustige kommen uns entgegen. Das Phänomen ist recht lustig. Die Quelle ist dort entsprungen, wo wir gebadet haben. Nach ein paar Hundert Meter verschwindet der Bach aber wieder. Entlang der dazwischenliegenden Strecke kann gebadet werden und das tun einige.

Erfrischt erreichen wir das Auto und fahren noch einmal zum Bodenbauer zurück. Das Kaloriendefizit fühle ich auf. Aber kulinarisch war es diesmal nicht sonderlich. Egal, der Tag war gelungen. Wir rollen elektrisch Richtung Breitenfurt.

Anstrengende, heiße Tour! Auch da hat Renate kein bisserl nachgelassen. Wir sollten fit sein für das, was da kommen mag!

Die Tour auf Garmin

Wildes Gamseck – Bärenlochsteig

Nix hat er mit! Anders als geplant wollen wir ein bisserl Berge trainieren. Gernot ist aus Kärnten da und hat im Kopf den Wetterbericht von vorgestern. Gerademal Laufausrüstung hat er zu bieten. Da fällt der Domeniggweg dann aus. Wir starten stattdessen in Hinternasswald.

Die Sonne versteckt sich – gut so! Leichten Fußes, denn Laufschuhe sind nun mal leicht, geht’s die Reißthalstraße nach hinten zum Rehboden. Gernots Uhr zeigt in Sachen Herzfrequenz Phantasiewerte und das trotz neuem Pulsgurt. Ab der Gamseckerhütte zündet Gernot den Raketenantrieb und schießt Richtung Grabnergupf, als gäbe es kein morgen. Na bitte, da tut sich einmal was! Er war in der Woche in Kärnten am Raketenweg unterwegs. Das hat inspiriert. Beim Einstieg ist uns dann, weil schweißgebadet, entsprechend kalt, Schichten werden angelegt. Die Kraxelei ist wieder einmal herrlich. Der Fels griffig und trocken, die Route ein bisserl länger als in Erinnerung. Trotzdem ist die Kletterei leider zu schnell vorbei. Unsere Erkenntnis: Mio hätte hier nichts verloren.

Spätestens bei der Rast auf der unbewirtschafteten Grasbodenalm fällt die Entscheidung, dass wir nicht mehr zum Habsburghaus aufsteigen werden. Beide waren wir schon unabhängig voneinander dort und haben nur ein Schild mit „Heute geschlossen“ und ein Funkgerät für Notfälle vorgefunden. Das reicht uns als Ausrede, in unseren Trailschuhen den Bärenlochsteig und infolge die Wildfährte runterzutänzeln, soweit das in unserem Alter als tänzeln bezeichnet werden kann.

Zurück beim Auto empfehle ich die Rax-Königin in Naßwald. Gernot wird schauen. Auf die Thai ist Verlass. Das Gasthaus ist offen. Thailändische Spezialitäten und lokale Hausmannskost treffen aufeinander. Papayasalat und Rindschnitzel schmecken hier gleichermaßen ausgezeichnet. Eine Empfehlung! Wir sind entzückt und schließen so unsere gelungene Trainingstour ab.

Tadellos!

Die Tour auf Garmin

Zürich

Lydia hat bei Ahead Health zu arbeiten begonnen. Ich will die Chancen nutzen, um mich persönlich vom Angebot der Firma in Kenntnis zu setzen. Am Montag soll ich in die Röhre, davor gibt es Wochenendprogramm beim Tochterherz. Wir treffen uns Freitag und lassen die Woche am Abend bei Frisk Fisk ausklingen. Ein Norweger serviert in Zürich und trotzdem schrecken mich die Preise nicht sehr. Dank sei der Inflation in Österreich, denn durch sie wird es in Österreich im Vergleich zur Schweiz teurer und der Preisschock damit geringer. Wilde Welt!

Am Samstag treffen wir Thomas und seinen TomBot von TomFit. Seine Maschine steht in neuer Version da und ist wahrlich eine deutliche Verbesserung. So stimulieren wir unsere Muskulatur in kurzer Zeit. Wer brav andrückt, bringt Blumen am Bildschirm zum Blühen. Jede Blume steht für einen Tag mehr Vitallebenszeit. Menschen mögen das, wir füllen unsere Vasen mit Sträußen. Danach füllen wir noch die Mägen mit den notwendigen Speisen in einem Lokal hinter der Oper. Thomas und Lydia diskutieren die Auswirkungen der AI auf die Arbeitsprozesse. Ich staune nur so und spüre die Auswirkungen der Tatsache, dass mein Retirement vor 10 Jahren wahrlich early war. Ich hatte schon damals Gewissheit, dass durch meinen Ausstieg aus der Berufswelt Entwicklungen an mir vorbeiziehen werden. Diese Entwicklung zieht aber nicht vorbei, sie fetzt vorbei. Schauen wir, was da kommen mag!

Nach dem Lunch absolvieren Lydia und ich am frühen Abend noch ihre Hausrunde am Rennrad. Dazu hat sie für mich ein Rennrad ausgeliehen – edles Teil. Es geht auf die Albispasshöhe. Ein kleines Stück südlich von Zürich beginnt die Schweizer Heidi-Welt – nice! Ich lege mich ins Bett im 25hours Hotel, voller Eindrücke kehrt rasch Ruhe ein.

Der Sonntag bringt nochmals eine Radtour. Mit Lydia und Nico geht es um den Zürichsee. Ich habe für die harmlose, flache aber lange Route gestimmt, da ich meine Blutwerte am Montag nicht irgendwohin schießen möchte. Rund 70 Kilometer sind geplant. Das wird meine längste Strecke seit Jahrzehnten. Der PSA-Wert wird am Montag in Höhen sein. 😉

Die Tour ist lange, aber geht zum Glück nicht an die Substanz. Einmal kehren wir in ein Café ein, wo ich reichlich Kohlenhydrate nachfüllen kann und ein andermal pausieren wir am See zehn Kilometer vor dem Ende, um ordentlich zu lunchen.

Nur mit der Ankunft in Zürich ist der Tag noch nicht zu Ende. Von Lydias Wohnung geht es in der Limmat zum Bahnhof. Dazu bekomme ich eine Leihbadehose gestellt. Der Rest wird wasserdicht in Lydias Schwimmbeutel verstaut. Schweizerischer geht es wirklich nicht. Korrekt wäre es, vom Steg in die Limmat zu springen, aber dabei würde ich meine Kontaktlinsen riskieren. So wählen wir vati-gerecht die Leiter. Kaum sind wir im Wasser beginnt es zu tröpfeln, Wind kommt auf. Es entwickelt sich rasch ein Wolkenbruch mit Sturmböen. Das hat was! So treibe ich im Wasser und erinnere ich mich an heftige Windsurfbedingungen vor Jahrzehnten. Noch gut amüsiert über die wilden Bedingungen, spüre ich einen Stich am Kopf – plonk! Okay, keine Matte mehr wie vor Jahrzehnten auf der Schädeldecke, die eine schützende Wirkung entwickeln könnte – oha! Weiter geht es – plonk … plonk, plonk! Aua! Man sieht es nun am Wasser gut, wir sind Hagel ausgesetzt. Windböen haben ein aufblasbareres Kissen losgerissen, das mir Lydia als Schutz anbietet. Gute Idee, aber schwierig in der Umsetzung, denn, wenn ich mir das über den Kopf halte, gehe ich unter. Das Kind will mich umbringen! Aber so ist es nicht, eine Erinnerung fürs Leben bildet sich aus, und das ist gut so! Wieder aus dem Wasser zeigen sich meine Leichenfinger – all diese Eindrücke sind offensichtlich eine intensive Abwechslung von meinem sonstigen Tagesablauf. Zurück geht’s in den nassen Sachen Richtung Hotel – man gewährt mir eine kurze Verschnaufpause.

Nico lädt am Abend zu sich ein, wo er herrlichen Flammkuchen anbietet. Dabei erzählt er, dass er sich mit zwei Kollegen zum Chasing Cancellara Ende Juni angemeldet hat. Das ist ein Radrennen mit Start um zwei Uhr morgens in Zürich. Bis 17 Uhr muss man Andermatt erreicht haben. Ein Tag mit 200 Kilometer und 4.700 Höhenmeter sind zu bewältigen. Jeder aus dem Dreier-Team muss zeitgerecht durchs Ziel. Fein, ein bisserl Peer-Pressure. Okay, da bin ich nicht dabei. Obwohl, ich war eh nicht eingeladen. Da darf sich die Jugend messen.

Am Montag dann die Untersuchung. Lydia begleitet mich in die Klinik Hirslanden. Vorzüglich werde ich empfangen. Die Untersuchungen sind kein bisserl anstrengend. Beim MRT döse ich gar ein. Die Ergebnisse kommen eine Woche nach der Untersuchung. Das geht alles so friktionsfrei, dass ich sogar auf den früheren Flug umbuchen kann.

Intensive Wochenende mit medizinischem Auftrag – passt!

Schneeloch – Hochtor – Josefinensteig

Mit Renate fahre ich nach Johnsbach zum Kölblwirt. Wir wollen hier übernachten und dann am nächsten Tag in der Früh über das Schneeloch aufs Hochtor und von dort über den Josefinensteig zur Hesshütte und wieder zurück nach Johnsbach.

Das Abendessen ist schon mal ein Genuss und auch das Zimmer ist fein. Der Gastwirt, mutmaßlich der Senior, der von der nächsten Generation gerade abgelöst wird, ist sympathisch und zuvorkommend. Er erkundigt sich zu den Bedingungen wie von Renate erbeten. Die neue, junge Hüttenwirtin der Hesshütte meint, dass geübte Bergsteiger mit dem Schnee, der noch liegt, fertig werden sollten. Na fein, ich bin in den leichten Trail-Bergschuhen und ohne Grödel unterwegs. Nicht einmal eine lange Berghose habe ich mit, abgesehen von der Regenhose. Der Wetterbericht sagt einen bedeckten, aber trockenen Vormittag und einen sonnigen Nachmittag ohne Gewitter voraus. Meteoblue, mein Lieblingswetterdienst, schätzt die Vorhersagekraft mit sehr hoch ein.

Nach ebenfalls feinem Frühstück steigen wir los. Über 1.600 Hm im Auf- und dann im Abstieg erwarten uns. Das wird also schon eine ordentliche Tour. So wandern wir bei feuchtwarmer Luft und dichten Wolken erst im Wald und dann allmählich durch Latschen immer höher. Dichte Nebelwolken umhüllen Hochtor, Ödstein und wie die so grimmig dastehenden Riesen noch heißen mögen. Die feuchtwarme Luft ist mittlerweile nicht mehr warm. Die ersten Schneefelder sind zu umgehen. Das geht noch alles leicht. Im Schneeloch dann das erste Schneefeld, das man tatsächlich überqueren muss. Es ist flach und kein bisschen gefährlich. Wenn ich hinaufschaue – und 400 bis 500 Höhenmeter sind es noch -, wird es mir jedoch mulmig. Einerseits könnte ich das erste Mal zu wenig zum Anziehen mithaben. Renate kann ich auch nicht beliebig antreiben, sodass mir wärmer wird. Anderseits könnte uns die Querung eines steileren Schneefelds eine unüberwindbare Barriere sein. Renate spürt meinen Zweifel und hat gleich „wild feuernde“ Nerven im rechten Arm.

Jeder bekommt einen der Wanderstöcke. Das wird schon gehen. Sonst müssen wir halt umdrehen. Der Weg führt zum Glück am Schnee vorbei. Die Stöcke sind bald hinderlich, weil wir nun unsere Hände zum Anhalten brauchen. Keine Sorge, wir haben uns vorbereitet, Renate hat sogar Videos auf YouTube zu den Steigen angeschaut. Trotzdem sind wir überrascht, dass es eine leichte Kraxelei wird. Mit jedem Höhenmeter steigt auch der Nebel höher. Der Wetterbericht passt. Das ist ja mal beruhigend. Die Schneefelder haben auch schon Platz gemacht. Auch das ist fein so. Schon sehen wir das Gipfelkreuz. Nach meiner Einschätzung hält uns da kein Schneefeld mehr auf. An den Beinchen friert es, aber das kann ich aushalten. Renate ist berauscht. Immerhin steht sie in kurzen Hosen da und friert kein bisserl. Am Gipfel hält es uns nicht lange, das ist den Temperaturen und der fehlenden Aussicht geschuldet. Man sieht die nächsten Gipfel, aber wenig Panorama oder Fernblick.

Nun kommt der Abstieg, das ist so gar nicht Renates Lieblingsdisziplin. Wir rechnen mit einem weniger steilen Abstieg als Aufstieg, Schon nach hundert oder zweihundert Metern stellt sich uns ein Schneefeld in den Weg. Man kann es umgehen, aber so richtig angenehm ist das nicht. Moment, das war so nicht ausgemacht. Was mag da noch kommen?

In der Ferne sehen wir einen Wanderer entgegenkommen, der erste Mensch auf der Tour heute. Er erkundigt sich nach den Bedingungen im Schneeloch. Okay, der ist noch übler ausgerüstet als ich. Seine Sneaker haben schon einige große Löcher, aus denen die Socken schauen. Dafür hat er einen Helm. Aha, wofür? Er ist alleine unterwegs. Sein Lachen ist voller Zuversicht. Nein, er wird kaum Schneekontakt haben. Einzig, eine Stelle wartet noch im Aufstieg auf ihn. Er sagt uns für den Josefinensteig absolut apere Bedingungen zu. Schauen ma a mal.

Der Josefinensteig ist landschaftlich recht spektakulär und bei weitem nicht so zahnlos, wie wir dachten. Wie schon erwähnt, geht es mit Renate kaum schneller bergab als bergauf. Da habe ich es schon viel leichter. Irgendwann habe ich alles am Körper, was ich im Rucksack finde. Ich könnte mir noch den Biwaksack überstülpen, aber das erscheint mir dann doch als übertrieben. Steil geht es da entlang eines doch eher dünnen Stahlseils die Ostseite hinunter. Der Wind hat aufgefrischt und vertreibt die Wolken. Aber je weiter wir absteigen, umso erträglicher wird das Wetter. Und irgendwann erreichen wir die Hesshütte, wo ich das letzte Mal 1978 war.

In diesem Jahr hat eine junge Slowakin die Hütte übernommen. 100 Schlafplätze bietet die Hütte mittlerweile. Zu Pfingsten waren die Hütte gar voll. Da hatte die junge Frau wohl ihre Feuertaufe. Sie wird das schaffen, wir wünschen ihr das Allerbeste. Das Essen ist jedenfalls schon mal eine Freude. Wird schon gutgehen. Zeit, die Wege selbst zu begehen, hat sie nicht. So geben wir Auskunft, wie die Überschreitung war. Ihre letzte Auskunft ist schon wieder eine knappe Woche alt. Tja, der Kölblwirt hat bei der Hesshütte angerufen und hier hatte man keine aktuellere Information, Dessen muss man sich bewusst sein, wenn man den Wirt fragt.

Gestärkt treten wir den Abstieg nach Johnsbach an. Drei Murmel begrüßen uns. Die sind so fett. Das mag man gar nicht recht glauben. Der Winter ist doch erst vorbei. Renate ist wieder voller Zuversicht. Der Weg liegt ihr eher als das steile, rutschige Fels-Geröll-Zeugs im Josefinensteig. So werden Pläne geschmiedet. Keine Spur von Müdigkeit. Knapp vor Johnsbach kommt uns eine junge Frau entgegen. Sie ist im Aufstieg zu Rebecca, ihrer Freundin und Wirtin der Hesshütte. Aus dem Rucksack schaut ein übergroßer Spätzlehobel. Was soll da noch schiefgehen? Die nächste Generation hat übernommen, gut so!

So endet die Tour nochmals bei einer Kleinigkeit beim Kölblwirt. Respekt meiner Renate, die diese lange Tour mit ihren verschiedenen Herausforderungen ausgehalten hat. Renate meint, all das hat der Kurzweiligkeit gedient. Mir soll es recht sein, fein war’s, Heim geht’s!

Die Tour auf Garmin

Stadelwandgrat

Der Stadelwandgrat war bislang der Höhepunkt der Saison. Dieses Mal starten wir damit. Der Zustieg inklusive Gassel fällt leichter als erwartet. Das mag daran liegen, dass wir schon wissen, was kommt. Gernot meint, ich soll notieren, dass der Weg bei 900m verlassen werden soll. Nun aber aufpassen, dass man nicht dem breiteren Steig zur Wand folgt, sondern eher eben in den Wald quert. Wer diesem Tipp folgt, kann in etwa 25 Höhenmeter sparen. Okay, aufgeschrieben ist es.

Gegen den fetten roten Pfeil und schon sind wir bei unserem ersten Turm. Ui, haben wir schon lange nichts am Fels getan. Sogar der erste HMS-Knoten will mir nicht gelingen. Wie ruft man sich diesen in Erinnerung, wenn er sonst doch immer automatisiert und ohne nachzudenken von der Hand geht? Einfach machen, nicht überlegen und geht schon. Die Saison kann beginnen.

Aber schon am ersten Turm mache ich einen schweren Fehler. Es fällt mir gar nicht leicht diesen aufzuschreiben. Ich bin gar nicht sicher, ob der erste Turm zur „offiziellen“ Routenführung gehört. Na ja, ich finde keinen Haken in der Wand und setze einen Friend. Ein bisserl Overkill, aber wenn ich ihn schon mithabe. Fast oben, möchte ich meinen zweiten Friend setzen. Immerhin möchte ich auf der anderen Seite gleich absteigen und den schönen Standplatz nutzen. Ich setze also den Friend, bin aber nicht sicher, ob der gut hält. Und dann weiß ich nicht, was in meinem Hirn abgeht. Ich ziehe und rüttle an der Sicherung, die sich auch prompt unter hoher Belastung löst. Blöd, dass ich mich aber nicht gut anhalte. Als der Friend aus der Wand fetzt, habe ich Glück, dass ich mich in der Wand irgendwie fangen kann. Na servas! Mir schießt alles ein.

Jedenfalls bin ich so verwirrt, dass ich den Friend wieder am Gurt befestige und zugleich sicher bin, den Friend gesetzt zu haben. Als Gernot nachsteigt und mir zum Stand folgt, sehe ich nur einen Friend. Meine Erklärung ist, ich muss so verwirrt gewesen sein, dass ich den Friend zwar in der Wand angebracht, aber das Seil nicht eingehängt habe. Gernot muss nochmal hinauf und den Friend holen. Nur er findet ihn auch bei gewissenhafter Suche nicht. Gut, dann muss eben ich nochmal zurück. Ich werde ja wissen, wo ich ihn angebracht habe. Beim Wechsel am Stand fummle ich am Beckengurt und – uppsi! – da ist er ja, mein Friend. Mah, ist das peinlich. Wie deppert kann man sein! Viel Glück und ein bisserl Demut schaden anderseits nie und ganz speziell zu Saisonstart nicht. Von wegen „der Berg verzeiht keine Fehler“.

Bei der restlichen Kletterei wechseln wir uns im Vorstieg ab. Es läuft gut. Einzig, bei einer anderen Stelle zum Abklettern vergesse ich einen Karabiner oben. Den darf ich gleich selbst holen. Der erste Zwischenfall zeigt also möglicherweise noch Auswirkungen. Und das, obwohl die Bedingungen optimal sind. Welche Entscheidungen trifft man, wenn die Bedingungen stressig sind oder sicher einer verletzt hat?

Alles andere läuft reibungslos. Die IIIer-Stelle gehört mir. Allmählich verstehe ich, was eine IIIer-Stelle auszeichnet. Fotografiert habe ich sie noch nie. Vermutlich sieht sie am Foto genauso aus, wie jede andere Stelle. Das nächste Mal gibt es ein Foto.

Am Ende des Steigs sind wir dann körperlich schon ein bisserl erschöpft. Wir jausnen im Schatten und erfreuen uns am Wind. Zufrieden über den Saisonstart steigen wir den Stadlwandgraben ab. Weiter unten liegt so viel Laub, dass man keinen Stein sieht und die Sohlen keinen Stein zu greifen bekommen. Dreimal wirft es mich hin. Fit wäre ich noch genug, aber dieses Gerutsche und Gestolpere nervt dann doch ein bisserl.

Irgendwann heißt es aber doch „Gut ist es gegangen, nichts ist geschehen!“. Ich habe viel dazugelernt, nicht theoretisch sondern überaus praktisch. So soll es sein. Wir hängen noch unsere Beine in die Schwarza, ehe wir in der VIP-Ecke des Spar in Reichenau Kalorien auffüllen.

Guter, aber auch wilder Saisonauftakt!

Die Tour auf Garmin

Novembergrat und Fadensteig

Wir starten beim Sessellift in Losenheim in der Zuversicht, dass wir weder Grödel brauchen noch Schneekontakt haben werden. Selbst gehe ich gar in kurzen Hosen. Der Zustieg von Losenheim zum Novembergrat ist zwar lange, aber unseres Erachtens angenehmer als von Schneebergdörfl aus. Die Sonne lacht, heiß ist es nicht, Mio geht vor. Einer kennt sich aus.

Dort, wo der Novembergrat beginnt, endet für uns der Grafensteig. Wir rasten plaudern, haben eine gute Zeit – wie man so schön sagt. Mir geht es heute konditionell gut. Garmin ist zufrieden mit mir. Am Abend wird Garmin resümieren, dass ich heute eine Erholungstour hatte. Ich vermute, dass es keiner der beiden Garmin-Gründer, Gary Burrell und Min H. Kao, mit den Bergen hatten. Meine Oberschenkel werden am nächsten Tag jedenfalls anderer Meinung sein und Erholung einfordern.

Der Novembergrat sieht teils wild aus, bleibt aber stets zahm. Lediglich einmal braucht Mio Unterstützung seiner Zweibeiner. Wahrscheinlich würde er es auch ohne Hilfe schaffen, aber so eine Aktion würde wiederum unser Nervenkostüm strapazieren.

Wir kehren im Dammböckhaus ein. Es wurde in den letzten Jahren renoviert. Die Zahnradbahn sorgt verlässlich für Gäste. Entsprechend ist hier das Service. Wir verdrücken riesige Schnitzel. Die Nachspeise lassen wir aus, da wir auch noch bei der Fischerhütte einkehren wollen. Ohne Visite da oben fürchten wir des Hüttenwirts, Michl, Rache. Das will ja keiner.

Wir gehen vom Dammböckhaus zum Klosterwappen. Das Schnitzel liegt im Magen, besonders Gernot leidet. Mio, der sein Futter erst ganz oben bekommen soll – großes Hundeehrenwort – ist da agiler unterwegs. Er fetzt über die Almen, verschwindet, testet die letzten Schneefelder und sucht Kontakt zu den Murmeln, zu denen er aber letztlich doch respektvoll Abstand hält.

Am Gipfel sorgt der Wind für Unbehagen. Das beschleunigt den Schritt zur Fischerhütte. Wir haben den richtigen Anstieg gewählt. Der Hüttenwirt beklagt, dass noch ein bisserl zu viel Schnee liegt, um die Straße frei zu bekommen. So müssen die Wanderer mutig ein geschätzt 50 Meter langes Schneefeld im Ab- und Aufstieg meistern. Für uns, die wir vom Klosterwappen kommen, ist das kein Thema.

Wegen der Cremeschnitte sind wir da. Offensichtlich hatte sie in der Gefriertruhe einen langen Winterschlaf. Okay, die Zufahrt ist zu und für eine Palette Cremeschnitten den Hubschrauber kommen lassen, ist auch nicht umweltfreundlich. So kauen wir in Gedanken an den vergangenen Winter an der Cremeschnitte, die sonst so wunderbar ist. Zu meinem Entsetzen habe ich Mios Futter vergessen. Mein großes Hundeehrenwort ist damit nichts, absolut nichts, wert. Mann, Mio! Sorry!

Runter geht es über den Fadensteig. Hier muss Mio mindestens einmal und ein weiteres Mal aus Gründen seines Komforts über Felsstufen gehoben werden. Wer im Fadensteig Schnee sehen will, muss gegen Ende des Jahres wieder kommen. Alles aper.

Der Sessellift in Losenheim dient nun den Mountainbikern als Aufstiegshilfe, seit auf den Winter kein rechter Verlass mehr ist. Uns soll es recht sein, wir fahren damit ab. Renate stellt mit der Frage: „Warum soll ich gehen, wenn eh ein Lift fährt?“ die ganze Bergsteigerei in Frage. Aber, um das zu diskutieren, haben wir doch zu viel gemacht. Frohen Mutes und mit Mio am Schoß fahren wir Lift und schauen den MTB-Fahrern zu. Fein, was hier aus der verlassenen Anlage gemacht wurde.

Fixpunkt ist dann noch die Fleischerei in Puchberg. Ich kaufe einen Würstelvorrat zusammen, als müssten wir mit den Reserven durch den Winter. Nein, „selbstgemacht“ und „günstig“ sind die Argumente für meine Hamsterattacke.

Alles tadellos!

Die Tour auf Garmin

Haidsteig – Königschusswand

Ein bisserl spät, ein bisserl konfus. So starte ich in Griesleiten aber ohne Helm und in den falschen Schuhe. Ja, so etwas kommt vor. Am Internet ist man derart der „Vollkoffer in Laufschuhen und ohne Helm“. Aber jede Krise bietet auch eine Chance! Mah, sind die Schuhe leicht. Los geht’s!

Der Zustieg ist beeilt und trotzdem um fünf bis zehn Minuten langsamer als noch vor fünf Jahren. Wie geht denn das? Ich muss das nachschauen. Dabei fühle ich mich so fit!? Bei der Madonna bleibe ich lange sitzen. Die Sonne lacht, Jause habe ich dabei und auch Ullis Songs. Von der Jause nimmt sie wieder nichts.

Nach 90 Minuten und 40 Sekunden bin ich beim Haidsteig-Schild. Na geh, die 40 Sekunden! Aber auch hier wieder die Frage: „Wo ist im letzten Jahrzehnt die Viertelstunde verlorengegangen?“. Zum Glück gehen meine Aufzeichnungen nur rund zehn Jahre zurück.

Wurscht, schön war es. Mit den falschen Schuhen war ich sicher, dass ich den Königschusswandsteig nicht gehen werde. Die Entscheidung habe ich rausgeschoben, bis ich mit dem Haidsteig fertig bin: „Schauen ma, wie es mir dann geht!“. Schon bei dem Gedanken wusste ich, dass die Wahrscheinlichkeit gering ist. Aber siehe, da was sollte besser sein?

Am Preinerwandkreuz und am Plateau verquatsche ich mich zweimal wieder endlos. Die Geschichten sind teils wild, teils unterhaltsam. Wild ist dann auch der Schneehase, der mitten am Weg sitzt und nicht im Entferntesten daran denkt, Platz zu machen. Er wechselt gerade auf Sommerfell. Vielleicht juckt das oder ist sonst anstrengend. Jedenfalls wirkt er entnervt. Als ich dann näher komme, erwägt der Hase einen Angriff. Geistesgegenwärtig zücke ich das Handy und filme. Ja, so macht man das heutzutage! Der Schneehase wählt dann doch die friedvollere Option und verschwindet in den Latschen, wo er dann prompt über seine Latschen, die größer sind als die eines normalen Hasen, stolpert.

So, jetzt noch den Königschusswandsteig, der heute auch noch erfreulich gut geht. Sogar beim Felsenfenster komme ich zwar nicht unbedingt elegant aber unter Wahrung einer Restwürde durch. Am Plateau lege ich mich in die Sonne. Das kommt überaus selten vor.

Tadelloser Tag!

Die Tour auf Garmin

Hohe Wand – Triologie

Am Plan stehen ÖTK-Steig, Blutspur und Matthias-Prinner-Steig. Die Bedingungen sind recht gut. Das Auto parke ich am Sonnenuhr-Parkplatz. Drei Stunden sollten leicht reichen. Der Zustieg zum ersten Steig ist kurz. Am Wandfußsteig verplaudere ich mich ein bisserl, aber sonst alles normal. Der Fels kommt mir sehr rutschig vor. Hmm, die Schuhe sind dieselben, und so schnell wird Fels auch nicht speckig? Also, es muss an mir liegen. Ich setze die Sohlen besser auf den Fels. Nach ein paar Metern geht es auch schon besser.

Die Schlüsselstelle weit unten nehme ich ohne Anstrengung gut. Dann ein bisserl Tempo rausnahmen, um nicht zu sehr außer Atem zu kommen. Diesem Motto treu bleibend komme ich oben nach 35 Minuten an. Geht doch.

Die Blutspur ist noch kürzer. Wieder ohne Eile sind es gerade Mal weniger als vier Minuten. Wer den ÖTK-Steig schafft, schafft auch die Blutspur. Wer hier festgelegt hat, dass die Schwierigkeit um eine halbe Stufe höher ist? Man darf sich nicht von der Kürze täuschen lassen, da es um die technische Schwierigkeit geht – meinetwegen.

Nächster Abschnitt: Über die Völlerin im Abstieg zum Matthias-Prinner-Steig. Diesen habe ich auch schon hier beschrieben. Die technische Schwierigkeit ist mit B angegeben. Da scheinen sich dann einige doch mehr gefürchtet zu haben. So ist das B auf der Tafel beim Einstieg mit einem C/D überschrieben. Das mag daran liegen, dass der untere Teil an einen alpinen Ninja-Parcours erinnert. Das ist alpintechnisch weniger eine Herausforderung als eine Überwindung. Die metallene Strickleiter wackelt, der darauffolgende Teil ist ausgesetzt und steil, aber mit Metalltritten technisch gänzlich entschärft, und die Seilbrücke ist spektakulär und vermutlich nicht jedermanns Sache. Egal, nach weniger als 15 Minuten bin ich beim Ausstieg.

Runter steige ich über den Frauenluckensteig. Der ist schon uralt und ich bin ihn auch schon oft gegangen. Der Einstieg von oben ist technisch nicht schwer (auch B), hat es aber meiner Meinung nach in sich. Ich überlege mir, ob ich da mit einem Kind runterklettern würde – nein! Die Leiter weist eine Höhe von geschätzt zehn bis 15 Metern auf. Ein Sicherungsseil sucht man vergeblich. Ob man da zu einem Kind sagen darf: „Da kletterst jetzt runter, aber schön festhalten!“? Na, ich weiß nicht.

So sind es eigentlich vier Steige, ehe ich wieder heimzische.

Die Tour auf Garmin